Museum Synagoge Gröbzig – Jüdisches Museum des Landes Sachsen-Anhalt:

Förderverein wurde nach 20 jähriger Tätigkeit ohne sachliche Gründe gekündigt und an den Rand der Insolvenz gedrängt

Im Land Sachsen-Anhalt, im kleinen Städtchen Gröbzig, existiert ein einzigartiges Zeugnis jüdischer Kultur in Deutschland: ein Gebäudeensemble bestehend aus Synagoge (18. Jh.), Kantorhaus und jüdischer Schule, dazu existiert ein jüdischer Friedhof im Ort. 

Hier vollzieht sich gerade eine empörende Geschichte: Unserem Trägerverein, dem Verein der Freunde und Förderer des Museums Synagoge Gröbzig e.V., der seit 1994 im Auftrag von drei öffentlichen Zuwendungsgebern, darunter das Kultusministerium Sachsen-Anhalt, ein Jüdisches Museum aufgebaut und betrieben hat, wurde Ende September 2017 plötzlich ohne stichhaltige Gründe gekündigt. Das Museum sollte einem neu gegründeten Verein anvertraut werden, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ins Vereinsregister eingetragen war. Dieser Verein hat im November 2017 ein Museumskonzept vorgelegt, das die Verfolgung und Ermordung der Juden des Ortes ausklammert und statt dessen ein idyllisierendes Bild des deutsch-jüdischen Zusammenlebens zeigen und dieses vorrangig  „vermarkten“ will. (Dokument: Zum Museumskonzept des neuen Trägervereins

Unser Verein und speziell die Arbeit der Direktorin war erst im Jahr 2016 sehr positiv extern evaluiert worden. Die Evaluatoren resümierten: Ihren „Bildungsauftrag erfüllt die Einrichtung durch Empathie, Engagement und Kompetenz ihrer Leiterin.“ (Dokument: Evaluierung) Das Kultusministerium bewilligte außerdem noch im Juli 2017 dem Verein bzw. der Direktorin erhebliche Mittel, um die letzten Bereiche der  Dauerausstellung entsprechend dem aktuellen Forschungsstand neu einzurichten. 

Dennoch wurde unser Verein durch das Ministerium im November 2017 aufgefordert, die Direktorin, deren 21jährige engagierte und professionelle Arbeit von den Zuwendungsgebern öffentlich gelobt wird, zu entlassen. Das Ministerium sicherte aber zu, dass für die Dauer ihrer Kündigungsfrist, bis zum 30.06.2018, ihr Gehalt über den neuen an den alten Verein gezahlt werden soll. Unser Verein sah sich wegen der ausbleibenden Förderung gezwungen, dem Vorschlag des Ministeriums zu folgen, um die Entgeltforderung der Direktorin zu sichern und eine Insolvenz abzuwenden. Ein entsprechender bilateraler Vertrag wurde unter Federführung des Staatssekretärs Dr. Schellenberger am 25.01 und 30.01.2018 in der Staatskanzlei des Landes Sachsen-Anhalt ausgearbeitet, dort unterzeichnet und mit dem Stempel der Staatskanzlei besiegelt.

Obwohl unser Trägerverein ab Januar 2018 keine Zuwendungen mehr erhielt, wurden ihm in der Vereinbarung die Lohnkosten der Direktorin und die Betriebskosten des Monats Januar aufgebürdet. (Dokument: Vereinbarung)

Entgegen seiner vertraglichen Verpflichtung  zahlt der neue Verein im Februar und März 2018 nur einen Teil der vertraglich festgelegten Summe und dies mit großer Verspätung. Die Direktorin arbeitet also seit Februar 2018 für den neuen Träger, der alte Trägerverein bekommt aber nur Abschläge auf ihr Gehalt. Er kann die Arbeitgeberkosten für sie nicht pünktlich bezahlen. Das Kultusministerium ermutigt den neuen Träger zu dem vertragswidrigen Vorgehen und stützt sich dabei auf den unbegründeten Vorwurf, die Direktorenstelle sei von unserem Verein falsch eingruppiert worden. Es kündigt seinerseits hohe Rückzahlungsforderungen an unseren Verein für den Verwendungsnachweis des Jahres 2017 an.    

Soweit erkennbar, haben mehrere Interessenkonstellationen und Akteure eine Rolle gespielt. Darunter ein Heimatverein, der personell verbunden ist mit dem neuen Museumsverein und der seit Jahren die Museumsleiterin attackiert (Dokument: Brief Heimatverein). Einige Heimatfreunde forderten sogar, dass in der Dauerausstellung die Rettung der Synagoge durch Gröbziger Bürger dargestellt werde, obwohl Quellen eindeutig belegen, dass es vorrangig um die Rettung der in der Synagoge befindlichen Sammlung des Heimatvereins ging. Bezeichnenderweise hat die Internierung der Gröbziger Juden vor ihrem Abtransport in die Vernichtungslager im zum Museum gehörenden Gemeindehaus nie ihr Interesse gefunden. In der von der Direktorin Dr. Méndez eingerichteten Dauerausstellung wird seit 2005 erstmals persönlich an diese ermordeten Gröbziger Bürger und an ihre Verfolgung in der Nazi-Zeit erinnert.


Ein weiterer Akteur ist ein stellvertretender Landrat, gleichzeitig Vorsitzender des neuen Tägervereins sowie Geschäftsführer der Köthen Kultur und Marketing GmbH, der das Jüdische Museum nach eigenem Bekunden anders führen und vermarkten will. Die engagierte Museumsdirektorin, die entgegen seinen Behauptungen, eine intensive bildungspolitische Arbeit leistet und zahlreiche Projekte speziell für die Region durchgeführt hat, ist ihm offenbar dabei im Wege – denn eine Übernahme der Direktorin, wie sie bei einem Trägerwechsel normal wäre, war und ist nicht erwünscht. 


Auch die regionalen Medien spielen eine Rolle, die für den neuen Verein und den stv. Landrat immer ein offenes Ohr haben. Mehrfach erschienen 2017 in der Mitteldeutschen Zeitung Interviews mit dem stv. Landrat, in denen er Falschdarstellungen über den langjährigen Trägerverein verbreitete, so z.B. dieser stehe vor der Auflösung und er mache zu wenig Angebote für die Region. 

Akteur ist auch die AfD, die im Juni 2017 im Landtag Sachsen-Anhalts die bildungspolitische Arbeit des Museums zu den Themen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus attackierte mit der perfiden Behauptung, der Verein erwecke den Eindruck, „der Holocaust verpflichte uns heute, Masseneinwanderung und Überfremdung widerspruchslos hinzunehmen. Dies … missbraucht die Erinnerung an den Holocaust.“ Der AfD-Sprecher forderte dazu auf, unseren Trägerverein nicht mehr zu finanzieren. Er müsse vielmehr „mit allen politischen Mitteln bekämpft werden“. (https://www.youtube.com/watch?v=YzJoVbjsghI

Leider hat das Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt sich diesem unglaublichen Aufruf nicht energisch entgegengestellt, sondern gemeinsam mit den anderen beiden Zuwendungsgebern energisch die Ablösung unseres Vereins betrieben.  

Es ist makaber, dass die AfD Sachsen-Anhalt ihr erklärtes Kampfziel unseren Verein zu zerstören, ungehindert verfolgen kann. Die Demokratie wird in diesem Prozess sichtlich mit Füßen getreten. Die deutsche Geschichte soll geklittert, ihre katastrophalen Aspekte entsorgt werden. Ein unterschwelliger Antisemitismus heftet sich nicht zufällig an eine Person und einen Verein, die sich seit zwei Jahrzehnten dafür einsetzen, jüdische Kultur, Geschichte und Religion für ein breites Publikum in den verschiedensten Facetten zu vermitteln. Vereinsmitglieder, die sich ehrenamtlich über viele Jahre mit hohem Einsatz an Zeit, Kraft und eigenem Geld für die Bewahrung jüdischer Kultur, die Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Mitbürger des betreffenden Städtchens eingesetzt haben, stehen nun unverschuldet vor einer drohenden Insolvenz ihres Vereins. 

Die Demokratie wird in diesem Prozess sichtlich mit Füßen getreten. Ein unterschwelliger Antisemitismus heftet sich nicht zufällig an eine Person und einen Verein, die sich seit zwei Jahrzehnten dafür einsetzen, jüdische Kultur, Geschichte und Religion einem breiten einem breiten Publikum nahe zu bringen. Vereinsmitglieder, die sich ehrenamtlich über viele Jahre mit hohem Einsatz an Zeit, Kraft und eigenem Geld für die Bewahrung jüdischer Kultur, die Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Mitbürger des betreffenden Städtchens eingesetzt haben, stehen nun unverschuldet vor einer drohenden Insolvenz ihres Vereins.

Die Direktorin Dr. Méndez hat über zwei Jahrzehnte eine bewunderungswürdige Arbeit geleistet und dies zugleich auf mehreren Gebieten: als Wissenschaftlerin, als Museumspädagogin, als Kuratorin von Ausstellungen „Kunst im jüdischen Kontext“, als Projektleiterin und Regisseurin von Theaterprojekten im jüdischen Kontext und einer Vielzahl von Veranstaltungen mit unterschiedlichstem Spektrum. In zwei Jahrzehnten der Vermittlung jüdischer Kultur konnte man sich bei Veranstaltungen oder Besuchen des Museums von der Atmosphäre der Synagoge anregen lassen, von jüdischer oder jüdisch inspirierter Musik, von Tanz, Theater oder bildender Kunst im jüdischen Kontext. Es ist das besondere Verdienst der Direktorin, jüdische Kultur und Religion einem breiten Publikum in den verschiedensten Facetten vermittelt zu haben. 

Das nicht nachvollziehbare Vorgehen der Zuwendungsgeber stellt eine existentielle Bedrohung für den Verein dar sowie eine Missachtung der Verdienste und der Arbeitnehmerrechte der Direktorin. Es ist kein sachlicher Grund für dieses Vorgehen vorhanden. So zynisch sollte niemand in unserem Land mit Menschen umgehen dürfen.

Unser Verein möchte weiterarbeiten, auch über den 30.06.2018 hinaus. Die Förderung und Pflege jüdischer Kultur und Geschichte und die Bildungsarbeit auf diesem Gebiet sind für uns  weiterhin wichtige Anliegen, die wir mit bildungspolitischen Veranstaltungen, Vorträgen und Ausstellungen erfüllen wollen. Der Verein bleibt darüber hinaus Förderer des Museums.

Anfragen und Informationen zu Veranstaltungen unter: 0152/ 25270741 oder info(at)synagoge-groebzig.de